Südkorea fällt ins Koma

Bernhard / Welt in Umwaelzung 29.06.2008 14:10 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe Weltweit
Südkorea: Seit gut einem Monat bekämpft eine breite Bewegung die Freigabe von Rindfleisch aus den USA. Aufgrund von Repression eskaliert die Gewalt.
"Südkorea fällt ins Koma",

titelte die konservative Dong-A Ilbo gestern. Seit mehr als einem Monat demonstrieren bis zu 100 000 Menschen gegen die Wiederaufnahme des Imports von Rindfleisch aus den USA. Es geht nur vordergründig um die Angst vor BSE. Die Freigabe des Rindfleischimports war eine Gefälligkeitsgeste der südkoreanischen Regierung, um für das im Jahre 2006 ausgehandelte Freihandelsabkommen doch noch eine Zustimmung im amerikanischen Kongress zu finden.

Aber auch gegen dieses Freihandelsabkommen hat es damals riesige Proteste von Bauern und Arbeitern gegeben. Dazu kommt, daß die Unzufriedenheit über die Regierung auch aufgrund langsam sinkenden Lebensstandards wächst.

Aufgrund der Proteste ist der Stichtag für den Import des Rindfleischs immer wieder verschoben worden, aber in ziemlicher Verkennung der Stimmung in der Bevölkerung hat die Regierung auch gleichzeitig eine Politik der polizeilichen Unterdrückung der Proteste verfolgt.

Die Bewegung ist breit; besonders die drei konservativen Zeitungen Dong-A Ilbo, Chosun Ilbo und JoongAng Ilbo waren entsetzt darüber, dass viele "normale Bürger" auf die Demos gehen - und dabei noch ihre ganze Familie einschließlich der Kleinkinder mitnehmen.

In Folge der Polizeibrutalität, über die es - z.B. auf Youtube - viele Dokumente gibt, eskaliert die Lage. Gestern nacht gab es mehrere hundert Verletzte, darunter über 100 Polizisten. Die Wut ist offenbar auf beiden Seiten groß. Freitag war eine Polizeieinheit eingekesselt und die Polizisten einzeln behandelt worden: "Wenn wir verhaftet werden, geht es uns schlecht. Jetzt haben wir euch verhaftet und ihr könnt sehen, wie das ist". Gestern abend versuchten Mitglieder der YMCA die Konfrontation zu verhindern, indem sie sich zwischen Demonstranten und Polizei auf den Boden legten. Das ging schief: "10 Polizisten trampelten auf mich drauf. (...) Das kommt einer Kriegserklärung gegen das Volk gleich", so später der Generalsekretär der YMCA Korea im Krankenhaus.

Die Bewegung beschränkt sich nicht aufs Demonstrieren. Vor allem die drei Zeitungen, die die Regierung vorbehaltlos unterstützen, werden angegangen. Indem erfolgreich auf Anzeigenkunden Druck gemacht wird, dort nicht mehr zu inserieren. In mehreren Portalen werden unter dem Motto "Hausaufgaben" die Adressen, Telefonnummern, Emailaddressen usw. von den Verantwortlichen bei den Inserenten veröffentlicht. Soviele beteiligen sich, dass der Generalstaatsanwalt die Ermittlungen gegen den "Cyberterrorismus" aufgenommen hat.

(P.S.: Es gibt doch sicher viele Leute in Seoul, die die deutsche Sprache beherrschen: es gibt bislang wenig Berichte aus der Bewegung selber. Macht doch mal was!!)

Fast tägliche Zusammenfassung der Medienberichte:
http.//www.umwaelzung de/aaktuell.html

Clips:
 http://www.youtube.com/v/X8J2eTVN194
(dort weitersuchen!)
 http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/asia-pacific/7479714.stm
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Ergänzungen

Proteste in Südkorea gegen US-Beef

http://www.mzbern.ch 29.06.2008 - 15:59
In Südkorea sind bei neuen Strassenschlachten zwischen der Polizei und Gegnern von US-Rindfleischimporten mehrere hundert Menschen verletzt worden.

Es waren die bisher schwersten Zusammenstösse seit Beginn der fast täglichen Proteste vor mehreren Wochen gegen ein Abkommen zur Wiederzulassung der Importe.
Zu den Ausschreitungen in der Hauptstadt Seoul kam es, als Teilnehmer einer nächtlichen Kundgebung mit etwa 15 000 Menschen am Morgen versuchten, Strassensperren zu durchbrechen und zum Präsidentenpalast zu marschieren.

Nach Angaben der Organisatoren der Demonstration wurden 300 bis 400 Teilnehmer verletzt. Die Polizei sprach von mehr als 100 verletzten Polizisten und Demonstranten. Rund 60 Menschen seien festgenommen worden. Beide Seiten machten sich für die Eskalation der Ereignisse verantwortlich.

Viele Koreaner befürchten aufgrund von früheren Fällen der Rinderseuche BSE in den USA erhöhte Gesundheitsrisiken durch die Fleischeinfuhren. Seit Donnerstag sind die Importe wieder erlaubt.

Kritiker bemängeln, dass es keine ausreichenden Sicherheitskontrollen für das importierte Rindfleisch gebe. Auch neue Sicherheitsgarantien, die Seoul mit den USA ausgehandelt hatte, konnten den Zorn der Bevölkerung nicht besänftigen.

Die Massenproteste haben Südkorea in eine schwere Regierungskrise gestürzt. Ministerpräsident Han Seung Soo und sein gesamtes Kabinett boten vor drei Wochen wegen der Krise ihren Rücktritt an. Präsident Lee Myung Bak ersetzte daraufhin mehrere hochrangige Mitarbeiter.

Video in der Tagesschau

Moi 29.06.2008 - 19:28

ymca

ymca 30.06.2008 - 13:06
YMCA ist die Abkürzung von "Young Men's Christian Association",zu deutsch "Christlicher Verein Junger Menschen".

Related Reports

no chr.! 30.06.2008 - 13:57
[6.28/29] Police Violence Led to Hours of Street Battles
 http://blog.jinbo.net/CINA/?pid=1546

"We, along with the people, will fight the war!'' (6.26)
 http://blog.jinbo.net/CINA/?pid=1544

LeeMB Orders Crackdown on Anti-gov't Movement (6.24)
 http://blog.jinbo.net/CINA/?pid=1542

Ongoing Mass Protests Against the S.K. Gov't (6.22)
 http://blog.jinbo.net/CINA/?pid=1540

[6.10] KCTU: "1,000,000 People Protested Against the Gov't"
 http://blog.jinbo.net/CINA/?pid=1531

[6.28/29] Video Report
 http://www.nodong.com/zero/view.php?id=leesanghyun&page=1&sn1=&divpage=1&sn=off&ss=on&sc=on&select_arrange=headnum&desc=asc&no=348

Article by Berliner Zeitung etc..

no chr.! 01.07.2008 - 16:49
Proteste stürzen Südkoreas Präsident in die Krise (Berliner Zeitung, 7.01)

Es fing an, als ein paar Dutzend Schüler sich im April zu einer Serie von Mahnwachen im Kerzenschein versammelten. Inzwischen haben sich die beschaulichen Jugendtreffs zu Massendemonstrationen ausgewachsen, die den südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak in die schwerste Krise seiner noch jungen Amtszeit stürzen. Dabei ist der Auslöser für den Zorn der Demonstranten denkbar unaufregend: Es handelt sich um Neuregelungen für den Import von US-Rindfleisch in das Land. Doch geht es um mehr.

"Wir brauchen keinen Rinderwahnsinn! Wir brauchen keine US-Truppen!" - so lautet ein beliebter Slogan bei den Demonstrationen. Das Nationalgefühl der Südkoreaner ist ohnehin besonders sensibel, wenn es um das Verhältnis zur Schutzmacht USA geht. Nun fühlt sich von dem Importabkommen verletzt. Zur Debatte stehen zudem Lees marktliberale Wirtschaftsreformen. Auch hat sich der Präsident eine Serie von PR-Pannen geleistet, die ihn in den Augen vieler Südkoreaner als arroganten Einfaltspinsel dastehen lassen. Für die Mehrzahl der Demonstranten ist der Streit ums Rindfleisch deshalb nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Rund 18 000 Menschen waren am Wochenende in Seoul auf der Straße. Am 10. Juni hatten sich in der Hauptstadt laut Polizei sogar mehr als 100 000 Demonstranten versammelt. Die Organisatoren des Protests sprachen von einer Million Teilnehmern. In der Nacht zum Sonntag kam es in Seoul zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei. Rund 200 Demonstranten und 112 Polizisten wurden verletzt.

Der Aufruhr war der vorläufige Höhepunkt in einem Streit, der seit Wochen brodelt. Im April hatte Präsident Lee auf Drängen der USA ein Importverbot gegen US-Rindfleisch aufgehoben, um die Verhandlungen über ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA zu erleichtern. Das Verbot war 2003 verhängt worden, als der erste Fall von BSE in den USA bekannt wurde.

Streit könnte sich verschärfen

Kurz darauf stürzten Lees Beliebtheitswerte ab. Erst im Dezember mit einem erdrutschartigen Wahlsieg zum Präsidenten gewählt, waren im Juni nicht einmal mehr 20 Prozent der Südkoreaner mit seiner Amtsführung zufrieden. Lee reagierte verschreckt. Zerknirscht bat er um Entschuldigung für den Rindfleisch-Schlammassel, nahm aber nur kosmetische Änderungen an den Importregelungen vor. Lees Unterstützer fürchteten, die Proteste könnten den Wirtschaftsliberalen politisch lähmen: "Sie könnten die Lee-Regierung dazu zwingen, ihre Teilprivatisierung von Finanzinstitutionen im Staatsbesitz zu verschieben und zu verwässern", sagte Tom Byrne, Vizechef bei Moody's.

Inzwischen hat Lee sich zu einer härteren Linie gegen die Proteste durchgerungen. Nachdem die Neuregelung des Imports im Mai wegen der Proteste mehrfach verschoben worden war, wurde gestern die erste Lieferung US-Rindfleisch freigegeben. Die Gewerkschaft der Logistikarbeiter kündigte an, den Transport der heiklen Ware zu verweigern. Es steht also zu erwarten, dass sich der Streit in den kommenden Tagen noch einmal verschärft.

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